Wer zahlt, hat Vorfahrt: Ist das Internet bald eine Drei-Klassen-Gesellschaft?
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admin, Mi, 21. Jul. 2010
in Aktuelles

Wer zahlt, hat Vorfahrt: Ist das Internet bald eine Drei-Klassen-Gesellschaft?

„Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher.“: Wie recht George Orwell doch mit seinem berühmten Zitat aus dem Klassiker Animal Farm auch noch 65 Jahre nach der Erstveröffentlichung hat. Denn ähnlich wie die Fast Lanes der US-Highways, wo der, der zahlt, schneller vorankommt (und sich der finanziell schlechter gestellte Rest der Autofahrer mit den anderen verstopften Fahrstreifen begnügen muss), gibt es für das Internet nun ähnliche Überlegungen – getarnt unter dem geschönten Begriff der Netzneutralität.

Im Internet geht's rund: Der Datenverkehr wächst und wächst. © Oleg Rosental/PIXELIO www.pixelio.de

Wie und ob bald eine Mautpflicht für bestimmte, vor allem datenintensive Internet-Dienste kommt, wird derzeit in Washington und Brüssel diskutiert. Warum diese Diskussion überhaupt ins Rollen gekommen ist, ist schnell erklärt: Denn im Internet ist inzwischen einiges los – riesige Videodateien, HDTV via IP-TV, Live Streaming, Cloud Computing, Videokonferenzen, Music-Downloads, das Datenaufkommen wächst unaufhaltsam. Was auch von Expertenseite bestätigt wird: Laut des aktuellen Cisco-Reports Visual Networking Index (VNI) werden für 2014 weltweit ein jährlicher Internet-Traffic von 767 Exabyte (1 Exabyte = 1018 Byte = 1.000.000.000.000.000.000 Byte nach SI-Einheitensystem) und für Deutschland monatliche Transfervolumen von rund 3,6 Exabyte prognostiziert. Dies entspricht mehr als einer Vervierfachung des Datenverkehrs im Vergleich zu 2009, und dazu tragen insbesondere die Consumer bei. Dem gegenüber steht der Ausbau der glasfaserbasierenden Breitbandnetze, der alleine in Deutschland bis 2020 laut Statista mit 36 bis 50 Milliarden Euro zu Buche schlagen wird. Und dem gegenüber wiederum stehen die bekannten Flatrates der zahllosen Telko-Anbieter von knapp 19,90 Euro. Eine Rechnung, die nun scheinbar nicht mehr aufgeht.

Wie so oft, wenn es um’s Geld geht, wird nun gesprochen, gehadert und gestritten, wer letztlich die Zeche für den steigenden Kapazitätsbedarf zahlen darf. Auf der einen Seite des Rings stehen Internet-Provider und Carrier, in der anderen Ecke bekannte Netzgrößen wie Google und Amazon, die dank ihres beliebten Angebots größtenteils für den steigenden Traffic verantwortlich sind. Und natürlich wollen erstere zweitere zur Kasse bitten. Zudem schmieden sie Pläne, die in eine Mehrklassengesellschaft münden. Ähnlich Business und Economy Class sollen die User, die bereit sind, tiefer in ihre Taschen zu greifen, besser bedient werden – oder anders ausgedrückt von besseren Qualities of Service profitieren: Sprich deren TCP/IP-Pakete werden schneller transportiert, quasi mit Prio 1. Vor allem das Beispiel Video verdeutlicht, dass preislich gestaffelte Angebote im Internet keine Utopie sind. So priorisiert schon heute beispielsweise die Telekom im VDSL-Netz den IPTV-Verkehr ihrer T-Home-Entertain-Angebote für ein störungsfreies Filmerlebnis.

HDTV genießt man am besten ruckel- und störungsfrei. (Quelle: PC-Spezialist

Was den Anbietern und Netzbetreibern vorschwebt, könnte in einem Drei-Stufen-Modell folgendermaßen aussehen: In der 3. Klasse – für den Normalo-User, der privat ab und an mal eine E-Mail schreibt, läuft alles wie immer, mal schneller, bei hohem Traffic mal eben langsamer. Dann gibt es die 2. Klasse, wo dafür gesorgt wird, dass die Latenzzeiten schon besser aussehen. Ein wichtiger Faktor hinsichtlich E-Commerce-Anwendungen und für alle Remote-Arbeiter im Home Office oder auf Reisen. Komplett störungsfreies Surfen, schnell und ohne Beeinträchtigung gibt es dann in der ersten Klasse: natürlich gegen Aufpreis. Damit wird dann sicher gestellt, dass das gerade hochgeladene riesige Homevideo von der letzten Geburtstagsfeier des zahlenden Heavy Users quasi Vorfahrt gegenüber der E-Mail des 2. Klasse-Nutzers hat.

Was für das Privatkunden-Umfeld neu wäre, existiert im Geschäftskundenumfeld schon länger. Hier zahlen die User für verschiedene Serviceklassen unterschiedliche Tarife. Schließlich bieten die dort üblichen MPLS-Netze bis zu sechs Serviceklassen. Wer also auf Echtzeitanwendungen wie beispielsweise Unternehmenssoftware wie ERP-Systeme angewiesen ist, zahlt mehr als für die einfache E-Mail-Kommunikation. Sind die Tage der freien, pauschal bezahlbaren Internetnutzung also bald gezählt? Noch fehlen die regulatorischen Rahmenbedingungen seitens Politik und Gesetzgebung, an diesen wird derzeit aber schon gefeilt. Die USA beispielsweise beschäftigen sich seit Mai mit einer Neufassung des Telecommunication Act von 1996, die auch das Thema Netzneutralität regeln soll. Die EU hat dazu am 30. Juni 2010 ebenfalls ihre Konsultationsphase begonnen. Bis zum 30. September, so Neelie Kroes, als EU-Kommissarin für die digitale Agenda der Gemeinschaft zuständig, sind Service- und Content-Provider, Unternehmen, Verbraucher sowie Forscher aufgefordert, online ihre Stellungnahmen in punkto Netzneutralität abzugeben. Ende des Jahres will die EU-Kommission einen Maßnahmenkatalog veröffentlichen, der weitere Beratungen, aber auch geänderte Regulierungsempfehlungen beinhalten könnte. Es bleibt also spannend.

13 Kommentare

  1. Lukas Steinbach sagt:

    Gut geschrieben. Leider ist dies immer noch ein schwieriges Thema.

  2. Pingback: blog-nokra-webservice » Diskussion um Vorfahrtsregeln im Netz
  3. Stefan Bornemann sagt:

    Hallo Kai,

    danke für Deine erneute Antwort. Die Mail zur Terminabstimmung kommt noch heute.

  4. Kai Thrun sagt:

    Moin Stefan,

    eigentlich bin ich nicht käuflich, aber gegen ein iPad 3G würde ich mich jetzt auch nicht wehren. Du / Ihr müsstet mindestens meine Umkosten (Fahrtkosten) übernehmen. Kaffee habt ihr ja, zwar nur in so „Besuchertassen“ aber dann trinke ich eben zwei mehr.

    Darüber hinaus wäre es nicht schlecht, wenn ein bestimmtes Themenfeld abgesteckt ist, damit ich mich vielleicht kurz mental einstellen und ggf. darauf vorbereiten kann. Allerdings keine 5 Tage wie bei meinem letzten Besuch und das Sakko bleibt auch im Schrank 😉

    Wenn wir uns austauschen, teilen wir Wissen, oder? Wenn ich Angst davor hätte, dass mein „Wissen abgegriffen“ wird, würde ich meine Ausführungen wohl nicht schildern, wäre ja quatsch. Dann würde ich kurz trollen, woran ich im Laufe der Zeit unbegründet gefallen gefunden habe und die Klappe halten.

    Termin ist mir relativ egal, da bin ich flexibel. Details sollten wir evtl. per Mail abstimmen, ich.bin@derwebarchitekt.de sollte ja eigentlich bekannt sein.

    Grüße Kai

  5. Stefan Bornemann sagt:

    Hallo Kai,

    Deine Anregungen und Bewertungen würde ich gerne noch mal unmittelbar mit Dir mal besprechen. Sag mir bitte, was ich hierfür tun muss, um Dich mal zu einem unmittelbaren Gespräch einladen zu können. Hierbei geht es mir nicht darum, Dein Wissen abzugreifen, sondern mit Dir gemeinsam die Dinge zu erörtern, um daraus weiter zu lernen und entsprechende Schlussfolgerungen abzuleiten.

  6. Kai Thrun sagt:

    Hallo Stefan,

    sei mir nicht böse, aber wenn etwas sichtlich auf der Startseite nicht geht, nennt man das im Amtsdeutsch: Bullshit
    Ich frage mich immer, wer eigentlich für den ganzen Schrott verantwortlich ist, denn ihr habt ja eigentlich einige echt fähige Leute in euren Reihen sitzen. Wer spielt da wohl die Effizienzbremse aufgrund seiner unqualifizierten Fehlbesetzung? Aber das sind Unternehmensdinge, die mich nichts angehen. Und allein wegen dieser Aussage wird sich ohnehin wieder irgendwer auf den Schlips getreten fühlen. Möge er seine Voodoo-Puppe nach mir bennen.

    Stefan, ich bin ab 1.9. auf der Jobsuche, weil ich mir meine eigene Stelle gestrichen habe. Selbst eine androhende Arbeitslosigkeit könnte mich nicht dazu bringen, hier zu bloggen. Dazu herrscht hier viel zu viel Chaos und euer propagierendes Eigenbild passt einfach nicht mit den Ergebnissen zusammen. Zumindest ist das meine Auffassung.

    Das ist nichts persönliches aufgrund unserer unterschiedlichen Auffassungen, sondern weil ich als Aussenstehender eher ein riesen Haufen Chaos sehe. Die Redakteure schreiben sicherlich hoch qualitative Texte, aber mit welchem Ziel? Welche Zielgruppe? Wo soll es hin? Irgendwie scheint mir da ein Posten zu fehlen, der die Artikel steuert, das Projekt lenkt – vielleicht macht das auch einer. Was euch fehlt ist ein Digital Relationship Manager, der die ganzen Fäden mal komplett in die Hand nimmt. Twitter, Blog, Facebook inkl. Verstrickungen in den Shop um die Absatzzahlen zu steigern. Aber ist ja kein Problem. Herr Roebers telefoniert ja öft genug mit dem Herrn von Wedemeyer und der weiß wie es geht. Einfach mal fragen und oder eine Scheibe abschneiden. Die Stelle wäre dann im Kostenpunkt Marketing zu verbuchen. Kriegt ihr hin, an irgendeiner Uni wird sicher einer rumlaufen, der wenigstens auf dem Papier Ahnung haben sollte.

    Dennoch vielen Dank für das Angebot. Ich weiß es zu schätzen.

  7. Stefan Bornemann sagt:

    Hallo Kai,

    danke für Deine Hinweise. Diese schmerzen uns natürlich, aber auch weil wir sie auch schon selber identifiziert hatten. Wir sind gerade dabei den Shop auf einen anderen Server umzuzieen zu lassen. Zudem werden wir nächste Woche eine „refaktourierte“ Shop-Lösung einspielen, wo diese Dinge dann hoffentlich der Vergangenheit angehören.

    Demgegenüber würde ich Dich gerne auch und besonders wegen Deiner differierenden Ansichten für uns zumindest als Blogger gewinnen. Wollen wir uns hierzu nicht doch mal unmittelbar austauschen?

  8. Kai Thrun sagt:

    Wo ich gerade am Trollen bin, bei euch ist das faszinierende, man braucht die Fehler gar nicht suchen.

    Eure TopSeller auf der Startseite sind unter OSX10.6 Firefox 3.6.7 und Safari 5 sowie auf dem PC FF3.6.7. und Chrome nicht klickbar (auf 2 ortunabhängigen Systemen) Ich bin mir sicher, das ist so gewollt. Ich vermute es sind keine Produkte hinterlegt und deswegen kann man sie nicht klicken. Zur Verwirrung des Käufers lässt man dann die Buttons trotzdem da, damit er seine Aufenhaltszeit erhöht.

    Aber ist schon ok, ich bin mir sicher, ihr werdet schon wissen, was ihr da genau tut. Wie gesagt, ich denke unsere Positionen sind da stark differenziert und das vermutlich nicht nur beim Thema Web2.0…

  9. Kai Thrun sagt:

    Guten Abend Stefan,

    vielen Dank für dein äußerst interessantes Angebot, welches ich klar und entschieden ablehnen muss. Ohne ins Detail gehen zu wollen, aber ich denke unser Understatement von Web2.0 ist dann doch stark differenziert.

    Außerdem würdet Ihr euren einzigen Troll verlieren, das wäre bedauerlich.

  10. Stefan Bornemann sagt:

    Hallo Kai,

    würdest Du uns denn auch für „zielgruppengerichetes“ Bloggen zur Verfügung stehen?

  11. Pingback: Who pays has right of way: Will the internet soon be a three-class society? | Mad Multimedia
  12. Kai Thrun sagt:

    So sieht ein zielgruppengerechter Blogeintrag aus! Chapeau!

  13. Effi sagt:

    Klingt wirklich nach Horrorszenario.. – Man denke an all die armen „Süchtigen der neuen Generation Internet „, aber auch an die immensen Kosten, die auf Firmen aus der Internetbracnche zusätzlich zukommen könnten.

    Ich hoffe, dass in Brüssel auch noch ein paar Menschen sitzen, die sich an die Gesetze der Meinungsfreiheit und des freien Zugangs zu Wissen erinnern und diese verteidigen.

    Unsere Gesellschaft ist leider bereits in so vielen Punkten eine krasse Klassengesellschaft – jetzt auch noch das Internet!?
    Mich gruselts

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