Piraten-Methoden in der PC-SPEZIALIST Zentrale
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admin, Fr, 22. Jun. 2012
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Piraten-Methoden in der PC-SPEZIALIST Zentrale

Frank Roebers ist Vorstandchef der Synaxon AG, der Muttergesellschaft von PC-Spezialist

Synaxon-Chef Frank Roebers - selbst Mitglied der Piratenpartei - hat Liquid Feedback in der Zentrale seines Unternehmens eingeführt

Darüber, dass die Synaxon AG, die Muttergesellschaft von PC-SPEZIALIST, intern nach dem Wiki-Prinzip organisiert ist und den Mitarbeitern damit weitreichende Möglichkeiten der Selbstorganisation einräumt, haben wir bereits berichtet. Seit Anfang des Jahres ist in der Synaxon-Zentrale in Schloß Holte-Stukenbrock in der Nähe von Bielefeld zudem die Mitbestimmungs-Software Liquid Feedback im Einsatz. Nachdem Synaxon-Vorstandschef Frank Roebers in einem Blogeintrag über erste Erfahrungen mit Liquid Feedback berichtet hat und auch das Wirtschaftsmagazin Brand Eins einen lesenwerten Artikel über die Initiative veröffentlicht hat, wollen nun auch wir uns damit beschäftigen.

Liquid Feedback wird oft mit der Piratenpartei in Verbindung gebracht, die die Software als Instrument zur innerparteilichen Meinungsbildung einsetzt. In der Tat wurde das Programm 2009 von Mitgliedern der Piratenpartei entwickelt, die sich dadurch Fortschritte bei den in der Partei anstehenden Meinungsbildungsprozessen erwarteten. Allerdings wird Liquid Feedback seitdem von der unabhängigen Public Software Group weiterentwickelt und wird unter anderem auch von den Piratenparteien in Österreich und Brasilien sowie dem internationalen Slow Food-Verein genutzt. Das Programm ermöglicht es Benutzern, über Pseudonyme Initiativen einzubringen. Diese können zunächst für eine gewisse Zeit allgemein diskutiert werden und gehen dann in einen „eingefrorenen“ Zustand über, der es den Diskussionsteilnehmern ermöglichen soll, die vorgebrachten Argumente noch einmal wirken zu lassen. Schließlich entscheidet eine Abstimmung über Erfolg oder Niederlage der jeweiligen Initiative.

„Wir haben in unserem neuen Leitbild unter anderem als Ziel die ‚radikale Selbstorgansiation‘ definiert“, berichtete Synaxon-Chef Frank in einem Blogeintrag zur Einführung von Liquid Feedback. Allerdings habe man bei der Leitbilderstellung auch gemerkt, dass das Wiki nur sehr eingeschränkt geeignet sei, um unternehmenswichtige Entscheidungen außerhalb des Führungskreises zu initiieren oder Missstände sichtbar werden zu lassen. Mit Liquid Feedback stehe dagegen nun ein neues Werkzeug zur Verfügung, „welches uns helfen kann, auf der einen Seite auch unangenehme Äußerungen unter sicheren Schutz der Anonymität zu stellen und andererseits eine deutliche weitere Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse in Richtung aller Mitarbeiter zu ermöglichen“, so Frank.

Screenshot: Liquid Feedback bei der Piratenpartei

Nach Ablauf der ersten drei Monate bezeichnet Frank die Einführung von Liquid Feedback als „klaren Erfolg“: „Wir bekommen nun Themen auf den Tisch, die wir vorher nicht gesehen haben. Und wir bekommen eine quantitative, offene und ehrliche Einschätzung zu wichtigen Themen.“

Dabei ist das Spektrum der ersten über das Programm initiierten Abstimmungen recht breit und reicht von der Anschaffung eines Firmenfahrrads (angenommen) über den Vorschlag, die Telefone in der Mittagspause einfach durchklingeln zu lassen (abgelehnt) bis zur Erhöhung des Kündigungsschutzes für Mitarbeiter in der Probezeit (angenommen).

Dass die Mitbestimmung der Mitarbeiter auch problematisch sein kann, beleuchtet der Artikel in Brand Eins:

„Heftig diskutiert wird gerade über eine Initiative „gegen den Blog-Zwang“. Dabei geht es um ein Herzensanliegen von Frank Roebers. Nach seiner Einschätzung sind die Unternehmens-Blogs und die Social-Media-Aktivitäten für das Wachstum des IT-Dienstleisters von großer Bedeutung. Daher hat er jeden einzelnen Mitarbeiter verpflichtet, pro Halbjahr eine bestimmte Anzahl von Blog-Beiträgen zu schreiben. (…) Was den Blog-Zwang angeht, deuten die Meinungen im Forum derweil auf eine klare Mehrheit der Schreibfaulen hin. Der Chef beißt die Zähne zusammen und sagt: „Damit muss ich dann leben. Denn es ist ja gerade der Sinn von Liquid Feedback, dass Dinge hochkommen, die uns im Vorstand wehtun.“

Dennoch: Für den Fall, dass eine Initiative nach Ansicht des Vorstands den Unternehmensinteressen diametral entgegenläuft, behält sich die Synaxon-Führung ein Vetorecht vor. Aber soweit muss es ja gar nicht kommen: „Unsere Kollegen haben bewiesen, dass sie selbst im Schutze von Pseudonymen absolut verantwortungsvoll mit Gestaltungsrechten umgehen“, meint Frank Roebers. „Also haben wir entweder deutlich bessere Mitarbeiter als alle anderen Unternehmen (was ziemlich wahrscheinlich ist…) oder aber Führungskräfte anderer Unternehmen fürchten sich völlig zu unrecht vor ihren Mitarbeitern.“

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