Diskriminierung in App TikTok
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Susanna Hinrichsen-Deicke, Mi, 11. Dez. 2019
in Social Media

Diskriminierung in App TikTok

Moderation benachteiligt Nutzergruppen

Das chinesische soziale Netzwerk TikTok wächst rasant. Einblicke in die Moderationsregeln der App TikTok enthüllen jetzt, wie Mobbing verhindert werden soll. Doch durch diese Maßnahmen diskriminiert das soziale Netzwerk selbst Menschen mit einer Behinderung, homosexuelle oder übergewichtige Nutzer. 

Was ist passiert? Und muss die App TikTok mit Konsequenzen rechnen? Wir klären auf.

App TikTok: Unsichtbarkeit als Schutz vor Cybermobbing

Die App TikTok steht derzeit scharf in der Kritik. Wie netzpolitik.org jetzt enthüllte, hat das soziale Netzwerk aus China als Schutz vor Cybermobbing seine Nutzer selbst diskriminiert. Dabei versucht es angeblich, genau das Gegenteil zu erreichen: vermeintlich verwundbare Nutzer zu schützen.

Wie? Indem es die Videos von Nutzern mit einer Behinderung sowie die homosexueller oder übergewichtiger Nutzer in der Reichweite per se beschränkt. Dabei markieren die Moderatoren des Netzwerks Videos von Menschen mit den zuvor genannten Charakteristiken, sodass diese weniger TikTok-Nutzer erreichen.

Unsichtbar machen als Schutz vor Cybermobbing – wie sieht die Rechtfertigung von TikTok aus? In den Moderationsregeln heißt es, man wolle „Bilder von Subjekten, die hochgradig verwundbar für Cyberbullying sind“ in der Reichweite begrenzen. Grund sei, dass man „auf Basis ihrer physischen oder mentalen Verfassung“ davon ausgehen müsse, dass sie zur Zielscheibe von Angriffen werden. Um dieses Risiko zu begrenzen, sollten diese Nutzergruppen grundsätzlich in ihrer Reichweite beschränkt werden. Inhalte werden also einfach grundsätzlich weniger Menschen angezeigt.

Das Bild zeigt einen Mann im Rollstuhl, der nach den Moderationsrichtlinien der TikTok-App diskriminiert wird. Bild: Unsplash/Josh Appel

Die TikTok-App steht in der Kritik. Moderationsrichtlinien benachteiligen bestimmte Nutzergruppen – Menschen mit einer Behinderung eingeschlossen. Bild: Unsplash/Josh Appel

Statt einer Milliarde nur 5,5 Millionen potentielle Zuschauer

Geht es nach Millenials und Gen Z gibt es wohl keine App, die derzeit angesagter ist als TikTok. Das Konzept der App TikTok ist einfach: Sie präsentiert ihren Nutzern kurze, nur 15 Sekunden lange Videos; welche Videos angezeigt werden, entscheidet eine KI. So können sich Nutzer der Community präsentieren und jede Menge Likes abstauben.

Doch genau an der Stelle zeigt sich jetzt, wie gemein der Eingriff durch die Moderationsregeln ist. Denn anstatt des potentiell weltweiten Publikums erreichen die zensierten Videos nur maximal 5,5 Millionen Menschen, die Zahl der TikTok-Nutzer in Deutschland. Das Video ist nämlich nur in dem Land sichtbar, in dem es auch gepostet wurde.

Und die Zensur ist noch weitreichender. So kann zum Beispiel auch der beliebte For-You-Feed – die Möglichkeit ein besonders großes Publikum zu erreichen – per se verwehrt werden, wenn Nutzer in eine bestimmte Kategorie eingeordnet werden. Übrigens: Um „disqualifiziert“ zu werden, benennen die Richtlinien ein entstelltes Gesicht, Downsyndrom und Autismus.

Irritierende Regeln bei App TikTok

Zu Recht fragen sich jetzt einige unter euch: Wie kann ein TikTok-Moderator eigentlich innerhalb von 15 Sekunden sehen, ob jemand eine Störung aus dem autistischen Spektrum aufweist? Die Antwort lautet: gar nicht.

Verschlimmernd kommt hinzu, dass TikTok entscheidenden Themen wie die Inklusion und die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung damit komplett vor den Kopf stößt. Denn Fakt ist auch: Diese Minderheiten kämpfen fortwährend mit Vorurteilen. Und das gemeinsame Ziel sollte es eigentlich sein, die Akzeptanz in der Gesellschaft zu fördern. Wie? In dem es jeden gleich behandelt, nicht, in dem es Gruppen ausschließt. Außerdem, so argumentiert die Evangelische Stiftung Hepatha, ist es völlig absurd, nicht die Trolle sondern die Opfer des Cybermobbings zu bestrafen.

Und dann bleibt wohl auch noch die Frage: Was ist ein soziales Netzwerk, welches von vornherein verurteilt, anstatt die gemeinsame Interaktion zuzulassen?

Das Bild zeigt einen jungen Mann mit Downsyndrom, der einen älteren Mann anstrahlt. Er würde nach den Moderationsrichtlinien der App TikTok in seiner Reichweite beschränkt werden. Bild: Unsplash/Nathan Anderson

Die App TikTok diskriminierte bewusst Menschen mit einer Behinderung, um sie vor Cybermobbing zu schützen. Damit bestraft sie das Opfer, nicht den Nutzer, der mobbt. Bild: Unsplash/Nathan Anderson

Letzte Konsequenz: App TikTok löschen?

Die TikTok-Kritik ist durchaus angebracht. Muss der chinesische Konzern jetzt mit Konsequenzen rechnen? Das steht zur Zeit noch nicht fest, doch die strittigen Moderationsrichtlinien sind laut TikTok jetzt zumindest nicht mehr in Kraft.

Bleibt für euch noch die Frage, ob ihr durch eure Mitgliedschaft Teil einer solchen Community sein wollt. Diese Frage muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Es bleibt abzuwarten, ob TikTok aufgrund der Erkenntnisse bezüglich der Moderationsrichtlinien jetzt zumindest mit sinkenden Nutzerzahlen rechnen muss.

Vielleicht habt ihr jetzt auch endgültig genug von den sozialen Medien und wollt nicht nur TikTok sondern auch der Datenkrake Facebook oder der Facebook-App WhatsApp Tschüss sagen oder zumindest mal eure Facebook-Chronik aufräumen? Infos zu diesen Themen und viele weitere interessante Inhalte findet ihr bei uns im Blog.

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