WT.Social
Author
Susanna Hinrichsen-Deicke, Fr, 29. Nov. 2019
in Social Media

WT.Social

Ersetzt das soziale Netzwerk von Wikipedia bald Facebook?

Das neue soziale Netzwerk von Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales soll Facebook und Co. den Kampf ansagen. Dabei verfolgt WT.Social vor allem das Ziel, Fake News keine Chance zu bieten und eine glaubwürdige Informationsquelle zu sein.

Was kann das neue soziale Netzwerk? Wir stellen euch die Plattform vor und erklären, ob sich die Teilnahme lohnt.

WT.Social: Kampfansage an Fake News

Für Jimmy Wales, Mitbegründer von Wikipedia und Gründer des neuen sozialen Netzwerk WT.Social, ist die Sache klar: Das Internet hat die Nachrichten-Industrie zerstört, aber es hat ebenso die Macht, sie wieder zu reparieren. Große Worte, doch durch den Erfolg, den Wales mit Wikipedia feierte, trauen wir ihm durchaus zu, Meilensteine zu setzen.

Gerade in Zeiten anstehender (US-)Wahlen sind Berichterstattungen im Internet durch Fake News unglaubwürdig. Viele User fragen sich, ob sie den Informationen, die sie gerade lesen, noch trauen können. Und auch wenn Facebook und Co. gezielt dagegen angehen möchten oder dies bereits tun, soll eine Alternative her.

Wie, fragt ihr euch? Mit einem neuen sozialen Netzwerk, in dem die Nutzer – ähnlich wie in der Wikipedia – die Beiträge anderer Nutzer bearbeiten und darüber diskutieren. Damit sollen Falschmeldungen und Propaganda entgegengewirkt werden. Als Vision sieht Wales am Ende eine riesige Gemeinschaft von Faktenprüfern statt nur passiver Nachrichtenempfänger.

Wie funktioniert WT.Social?

Bereits nach der Registrierung könnt ihr feststellen, dass WT.Social etwas anders tickt, denn ihr müsst zunächst warten, bis ihr freigegeben werdet. Das dauert euch zu lange? Den Prozess könnt ihr beschleunigen, indem ihr 13 Euro monatlich oder 90 Euro jährlich zahlt. Perspektivisch ist dies übrigens der Weg, den Wales und seine Mitgründer einschlagen möchten, denn das soziale Netzwerk soll sich durch Mitgliedsbeiträge finanzieren, nicht durch Werbung.

Nachdem ihr in die WT.Social-Community aufgenommen wurdet, begrüßt euch die Startseite. Hier erwartet euch ein prominenter Newsfeed, in dem jedoch (anders als bei Facebook algorithmisch) die neuesten Beiträge chronologisch angeordnet sind. Im Newsfeed werden euch nur die Beiträge der Nutzer und Gruppen angezeigt, denen ihr folgt.

Die weiteren Funktionen von WT.Social wirken recht spartanisch: Im Menü habt ihr zum Beispiel die Möglichkeit, Artikel oder ein SubWiki anzulegen. Dabei ist das SubWiki die Kategorie, in der die Beiträge zu bestimmten Themen erscheinen. Bei der Erstellung habt ihr völlig freie Hand.

Das Bild zeigt einen Screenshot des neuen sozialen Netzwerks WT.Social, welches eher unscheinbar daher kommt. Viel Text und bislang noch relativ wenig Funktionen. Das ist an sich auch nicht schlimm, denn der Fokus des Netzwerks liegt auf glaubhaften News. Bild: Screenshot WT.Social/PC-SPEZIALIST

Das neue soziale Netzwerk WT.Social kommt unscheinbar daher. Viel Text und bislang noch relativ wenig Funktionen. Das ist an sich auch gar nicht schlimm, denn der Fokus des Netzwerks liegt auf glaubhaften News. Bild: Screenshot WT.Social/PC-SPEZIALIST

Adieu Facebook, hello WT.Social?

So kann man es nicht sagen. Denn was Wales und seine Mitstreiter schufen, soll Facebook nicht ersetzen. Vielmehr macht WT.Social sich das Grundkonzept eines sozialen Netzwerks zunutze – nämlich vertrauenswürdige Informationen zu streuen und fachkundige Nutzer dazu anzuregen, ihren Senf dazuzugeben.

Ein wichtiges Element innerhalb dieses Konzepts ist dabei der Kollaborationsgedanke. Dieser setzt zum einen voraus, dass jedes Mitglied alles sehen kann. Es gibt keine verborgenen oder geschlossenen Gruppen wie bei Facebook.

Dort hört die Kollaboration aber noch nicht auf. Wenn ihr einen Post erstellt, könnt ihr „individual“ und „collaborative“ auswählen. Der Unterschied ist einfach: Individuelle Beiträge können nicht von anderen verändert werden, kollaborative schon. Wenn ihr also möchtet, dass andere Nutzer direkt in eurem Beitrag Änderungen vornehmen, ist die kollaborative Form also die richtige Wahl. Und Kommentare unterhalb eures Beitrags sind immer erwünscht.

Noch Luft nach oben, nicht nur aus technischer Sicht

Wahrscheinlich habt ihr an dieser Stelle auch schon gedacht: WT.Social muss noch in einigen Belangen verbessert werden. Denn was auf den ersten Blick daher kommt wie ein interaktiveres Wikipedia, enttäuscht schnell. Die Beiträge im Newsfeed sind unübersichtlich und längst nicht informativ genug.

Natürlich müssen wir bei unserer Kritik im Auge behalten, dass das soziale Netzwerk erst jetzt richtig startet. Bedenken wir jedoch, dass es den Anspruch hat, das soziale Netzwerk für glaubwürdige Informationen zu werden, verfehlt es auf ganzer Linie. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Beiträge auf Englisch sind. Und das dürfte wohl auch ein KO-Kriterium für viele sein.

Da überrascht es nicht, dass es inhaltlich bislang auch eher mau ist. SubWikis gibt es einige, Inhalt dagegen kaum. Aktuell wirkt WT.Social eher wie ein Konzept, das jetzt auf Herz und Nieren getestet wird. Nicht wirklich wie ein durchdachtes Produkt, das jetzt nur noch mit Leben gefüllt wird.

Ist WT.Social glaubwürdiger als Facebook?

Nein. Zumindest aktuell nicht. Denn weder könnt ihr sehen, wer hinter der Person steckt, die einen Beitrag verfasst hat, noch ist die Beitragsqualität glaubwürdig genug. Fake News dürften auf WT.Social trotzdem keine zu finden sein. Warum? Schlicht und einfach aus dem Grund, dass auf WT.Social noch zu wenig Nutzer unterwegs sind und nicht genug Menschen erreicht werden würden.

Jimmy Wales beweist mit seinem sozialen Netzwerk allerdings wieder einmal, dass eine grundsätzliche Kritik an Informationen aus dem Netz angebracht ist. Egal wie seriös die Quelle erscheint, kann sie trotzdem die Unwahrheit berichten. Mit dem löblichen Ansatz, ein soziales Netzwerk mit glaubwürdigen Informationen zu gründen, hat Wales eine innovative Idee. Die Umsetzung hinkt den vorbildlichen Ansprüchen jedoch (noch) hinterher.

WT.Social ersetzt also Facebook nicht, noch ist es glaubwürdig genug. Wir sind gespannt, wie sich das Konzept weiter entwickeln wird und werden natürlich berichten.

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