Cell Broadcast
Author
Maren Keller, Fr, 13. Aug. 2021
in Aktuelles

Cell Broadcast

Wie funktioniert es und wann kommt es?

Das für viele Menschen tödliche Hochwasser im Süden NRWs im vergangenen Juli hat gezeigt, dass die Warnung der Bevölkerung nicht funktioniert hat. Nun soll nachgebessert werden. Eines der Stichworte, das aktuell durch die Medien geistert, ist Cell Broadcast.

Doch was ist Cell Broadcast genau? Wie funktioniert es? Welche anderen Warnmöglichkeiten gibt es? Wir zeigen es.

Unwetter-Warnung blieb aus

Die Zahl der Hochwassertoten durch die verheerenden Fluten im Juli 2021 im Süden von Nordrhein-Westfalen und dem Norden von Rheinland-Pfalz ist mittlerweile auf 170 gestiegen. Über 100 Menschen werden weiterhin vermisst. Wie diese Katastrophe hätte verhindert werden können, darüber wird jetzt gestritten.

Denn die ersten Zeichen, dass da mehr als nur ein kurzer Regenguss auf die betroffenen Gebiete zurollte, wurden von Satelliten bereits neun Tage vorher erfasst. Vier Tage vor den Überflutungen warnte das Europäische Hochwasser-Warnsystem (Efas) die Regierung der Bundesrepublik. 24 Stunden vor der Katastrophe, bei der zahlreiche Menschen Hab und Gut komplett verloren haben, hat die Efas den deutschen Stellen nahezu präzise vorhergesagt, welche Gebiete von Hochwasser betroffen sein würden.

Das sagte Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading und eine der Entwicklerinnen des Europäischen Hochwasser-Warnsystems. Sie wirft den deutschen Behörden ein monumentales Systemversagen vor, das eine der tödlichsten Naturkatastrophen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg zur Folge hatte: „Die Tatsache, dass Menschen nicht evakuiert wurden oder die Warnungen nicht erhalten haben, legt nahe, dass etwas schiefgegangen ist.“

Cell-Broadcast: Man ruft in Megafon. Bild: Pexels/Sora Shimazaki

Viele Menschen hahat die Warung vor dem nahenden Hochwasser nicht erreicht. Hilft Cell Broadcast? Bild: Pexels/Sora Shimazaki

Warn-Apps und Cell Broadcast

Dabei hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) die Warnung der Efas an die entsprechenden Behörden weitergeleitet. Dennoch kamen Vorwarnungen durch Sirenen oder Lautsprecherdurchsagen nicht oder zu spät. Und Bundesinnenminister Horst Seehofer räumt ein, dass nur ein Teil der Bevölkerung mit Sirenengeheul gewarnt wurde. Wäre Cell Broadcast die Lösung gewesen?

Die Diskussion, wie die Bevölkerung künftig vor Unwettern dieses Ausmaßes gewarnt werden kann, ist in vollem Gange. Denn dass die Gefahr für Leib und Leben durch schwere Unwetter aufgrund der der Klimaveränderung größer wird, ist nicht mehr abzustreiten. Doch wie kann die Bevölkerung geschützt werden? Durch Warn-Apps? Durch Cell-Broadcast oder doch durch die in vielen Orten inzwischen inaktiven oder abgebauten Sirenen?

Die jüngste Katastrophe hat gezeigt: Auf Smartphone und Co. ist nicht immer Verlass, denn durch Stromausfall und den Zusammenbruch des Mobilfunks werden Handy und Co. unbrauchbar. Was ist mit Sirenen? Und Cell Broadcast? Was kann es besser? Wie funktioniert es? Doch zunächst die wichtigsten Warn-Apps im Überblick.

Wichtige Warn-Apps

Schauen Sie in Ihren App Store, finden Sie zahlreiche Warn-Apps und auch viele Wetter-Apps, die längst mehr können, als nur Sonnenschein und Regenmenge vorherzusagen. Die vier wichtigsten Warn-Apps sind:

  • NINA: Die Abkürzung steht für Notfall-Informations- und Nachrichten-App, Herausgeber ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. NINA verbreitet Warnmeldungen wie Gefahrstoffausbreitung, Feuer und Hochwasser. User können verschiedene Standorte angeben, um passende Warnungen zu erhalten. Im Bereich „Notfalltipps“ finden Sie Verhaltensweisen und Empfehlungen für besondere Situationen. NINA gibt es kostenlos für Android und iOS.
  • Katwarn: Die App wurde vom Fraunhofer-Institut entwickelt, Warnmeldungen verbreiten Feuerwehr, Polizei, Deutscher Wetterdienst (DWD), Hochwasser- und Erdbebenzentralen sowie externe Warnsysteme. Die Warnungen sind postleitzahlgenau und enthalten Handlungsempfehlungen. Positiv: Um Katwarn-Meldungen zu erhalten, müssen Sie kein Smartphone haben. Senden Sie eine SMS mit Ihrer Postleitzahl an die Nummer 0163 755 88 42, erhalten Sie Meldungen per SMS oder E-Mail. Katwarn gibt es kostenlos für Android und iOS.
  • BIWAPP: Die „Bürger-Informations- und Warn-App“ informiert über Großschäden und Katastrophen, aber auch über Straßensperrungen und Schulausfälle. Auch hier können Sie Ihren aktuellen Standort auswählen und relevante Meldungen erhalten. Dank Kooperation mit dem DWD erhalten Sie auf BIWAPP auch Warnungen zur aktuellen Wetterlage Ihrer Region. BIWAPP gibt es nur für iOS, eine Android-Version wird in Kürze erwartet.
  • Warnwetter: Diese App kommt vom DWD und informiert über Warnhinweise und Wettersituation. Die kostenlose Version bietet eine Übersicht über die aktuelle Warnlage für Deutschland bis auf Gemeindeebene. Die kostenpflichtige Vollversion zeigt für einmal fällige 1,99 Euro darüber hinaus Vorhersagen für bis zu sieben Tage. Die App gibt es für Android und iOS.

Um zu sehen, welche App Ihnen am besten gefällt, testen Sie die verschiedenen Warn-Apps. Sie können alle gleichzeitig mit denselben Informationen füttern, sodass Sie einen guten Überblick bekommen, welche App die zuverlässigste Warnung bietet und welche App für Sie am bedienerfreundlichsten ist.

Cell Broadcast: Screenshot einiger Warn-Apps im Google Play Store. Bild: PC-SPEZIALIST

Im Google Play Store gibt es unzählige Warn-Apps. Bild: Screenshot PC-SPEZIALIST

Nachteile der Warn-Apps

So gut die Warn-Apps auch sein mögen, sie haben auch zahlreiche Schwächen – und genau das hat das verheerende Hochwasser jüngst gezeigt. Das größte Problem ist die geringe Verbreitung. Beispiel NINA: Die App wurde in fünf Jahren (2015 bis 2020) nur etwa sieben Millionen Mal installiert. Nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung haben also diese Warn-App. Zum Vergleich: In 2019 haben täglich 58 Millionen Menschen in Deutschland WhatsApp benutzt.

Ein weiterer Schwachpunkt ist, dass Nutzer aktiv werden müssen, da keine Warn-App auf den Smartphones vorinstalliert ist. Werbung für die Warn-Apps gibt es auch so gut wie keine.

Was passiert, wenn die Internet-Verbindung schlecht ist, das Netz überlastet oder die Infrastruktur beschädigt? Dann scheitern die Apps. Sie funktionieren dann einfach nicht! Und was ist, wenn die Nutzer ihre Handys abends abschalten, stummschalten oder in einem anderen Zimmer liegenlassen? Dann kommen die Benachrichtigungen über eventuelle Warnung zwar an, sie werden aber nicht wahrgenommen.

Cell-Broadcast – in anderen Ländern längst da!

Warn-Apps sind eine gute Sache – allerdings nur, wenn es die genannten Nachteile nicht gibt – und eine super Ergänzung für einen zuverlässigen Bevölkerungsschutz. Aber was ist eine geeignete Alternative? Die alten Sirenen, die vielerorts längst abgeschaltet und abgebaut wurden? Oder doch eher Cell Broadcast, das aktuell durch die Medien geistert. Aber was ist Cell Broadcast genau? Dazu kommen wir nun und erklären, was das ist. Es ist nämlich keine Massen-SMS, wie oft gesagt wird.

Cell Broadcast kann viel mehr und wird vor allem in vielen Ländern schon seit Jahren erfolgreich eingesetzt. Genannt seien die USA, China, Japan und Kanada. In der Umsetzung sind die handybasierten Warnsysteme in Indien, Brasilien, Italien, Frankreich und Großbritannien. Immerhin: Nach der Hochwasser-Katastrophe im Juli hat Bundesinnenminister Horst Seehofer die Einführung von Cell Broadcast in Auftrag gegeben. Endlich. Denn bislang glaubte die Bundesregierung, die vorhandenen Warn-Systeme reichen.

Das dem nicht so, hat das Hochwasser tragisch gezeigt. Aber für Seehofer ist klar: Cell Broadcast kann nur eine Ergänzung zu den bestehenden Warnmitteln sein. Die Textnachricht könne Sirenen, Apps und den Rundfunk ergänzen, so Seehofer.

Cell Broadcast: Antennenmast. Bild: Pexels/Sparsh Karki

Cell Broadcast sind Nachrichten, die in Dauerschleife versendet werden. Bild: Pexels/Sparsh Karki

Wie funktioniert Cell Broadcast?

Aber wie funktioniert denn nun das Verschicken der Massen-SMS, die keine ist, via Cell Broadcast? Bei Cell Broadcast handelt es sich um ein Warnsystem, das das Verschicken von Textnachrichten an alle in einer Funkzelle eingewählten Handys ermöglicht. Ver Vorteil: Das funktioniert ohne die Kenntnis von Telefonnummern und ist somit datenschutzkonform. Nachteil: Handys müssen eingeschaltet sein.

Cell Broadcast funktioniert folgendermaßen: Der Netzbetreiber schickt eine bis zu 1395 Zeichen lange Push-Nachricht an alle Geräte, die sich in einer bestimmten Funkzelle befinden. Dabei ist es unerheblich, ob Sie ein Smartphone oder ein älteres Handy haben, die Nachricht kommt in jedem Fall an.

Denn über die gesamte Dauer des Alarms strahlt die Funkzelle die Warnmeldung in Dauerschleife aus. So erreicht die Warnung auch diejenigen Geräte, die sich neu einbuchen. Im Gegensatz dazu würde nämlich eine einmalige Aussendung per SMS oder Push-Mitteilung die neu eingebuchten Geräte nicht mehr erreichen.

Cell Broadcast und der Datenschutz

Wann immer Neuerungen geplant sind, ist oftmals der berechtigte Ruf nach dem Datenschutz eine Hürde. Auch bei Cell Broadcast gab es die Datenschutzbedenken. Schließlich werden Nutzer informiert, ohne dass sie vorher ihre Einwilligung geben können.

Aber: Datenschutzbedenken sind unbegründet, da keine Handynummern bekannt sein müssen, um Cell Broadcast zu nutzen. Zudem gibt es keine Rückmeldungen, sodass niemand weiß, wer im Einzelnen die Meldungen bekommen hat.

Die Warnmeldungen erscheinen automatisch auf dem Display, lassen sich nicht stummschalten und werden auch nicht vom Betriebssystem unterdrückt. Möglicherweise müssen Sie den Dienst aktivieren. Er versteckt sich in den Einstellungen hinter Begriffen wie „Service-Nachrichten“ oder „Broadcast-Kanäle“.

Cell Broadcast: Junge Frau im Dunkeln auf dem Sofa blickt auf ihr Handy. Bild: Pexels/Mikotoraw

Ob Tag oder Nacht: Mit Cell Broadcast werden Warnungen in Dauerschleife versendet. Bild: Pexels/mikoto.raw

Cell Broadcast – warum gibt’s das nicht schon längst?

Auch wenn das Engagement vom Innenministerium lobenswert ist, so bleibt doch eine Frage: Warum gibt es Cell Broadcast nicht schon längst, wenn so gut wie alle Handys den Dienst nutzen können? Zudem hatte die EU bereits in 2018 festgelegt, dass Mitgliedsländer bis zum 21. Juni 2022 sicherstellen müssen, dass Mobilfunknetzbetreiber die Warnungen der Behörden an ihre Kunden übermitteln müssen, so steht es in Artikel 110 des Europäischen Kodex für die elektronische Kommunikation.

Warum also gibt es Cell Broadcast schon nicht längst? Warum zögert Deutschland die Entwicklung heraus? Sascha Lobo findet im Spiegel zynische Worte und nennt drei Gründe:

  1. Armin Schuster, Chef des zuständigen Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, nennt Cell Broadcast eine „extrem teure Technik“: 20 bis 40 Millionen Euro kostet die Einführung. Wenn man überlegt, wie teuer die Schadenbeseitung wird und was Menschenleben wert sind, ist dieses „extrem teuer“ eine Farce.
  2. Warum es Cell Broadcast nicht gibt? In Deutschland ist es verboten, Menschen ohne ihre vorherige Zustimmung Botschaften zu senden. Eine entsprechende Verordnung müsste her. Dafür aber fehlt laut Bundesminister Andreas Scheuer bisher „der politische Wille an mancher Stelle“.
  3. Warum Cell Broadcast laut Politikern unnötig ist, liegt an der deutschen Amtshybris, alles besser zu wissen als alle anderen. Im Zweifel auch als die eigene Bevölkerung. So behauptete NRW-Innenminister Reul, dass nicht der Staat die Verantwortung trage, sondern die Bevölkerung selbst. Alle hätten vom Starkregen gewusst, aber die Warnungen wurden nicht ernst genommen.

Obwohl die EU das verbindliches Warnsystem per Cell Broadcast bis 2022 einführen wollte, drängte Deutschland auf eine Ausnahme. Nun können EU-Staaten selbst festlegen, ob ihre Warnsysteme ebenso gut sind wie Cell Broadcasts. Und die Bundesregierung erklärte, dass sie mit Apps, Durchsagen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Sirenen ähnlich effektiv ist wie Cell Broadcasts. Die vielen Hochwassertoten zeigen das Gegenteil.

Wann kommt Cell Broadcast?

Bleibt die Frage, wie lange die Einführung von Cell Broadcast dauern wird. Das Innenministerium betont, dass es bislang keinen Zeitplan zur Einführung gibt. Laut Experten sei ein Zeitraum von zwölf bis 18 Monate durchaus denkbar.

Im Moment geht es darum, das Warnsystem technisch zu testen und die Anforderungen an die Mobilfunkbetreiber zu definieren. Auch wenn es keine Datenschutzbedenken geben wird, muss die entscheidende Voraussetzung sein, dass die Netzbetreiber zu Cell Broadcast verpflichtet sind. Es fehlt dafür allerdings noch das notwendige Gesetz, dem der Bundestag zustimmen muss. Und: Für die Abgeordneten gibt es  nur noch einen einzigen Termin in dieser Legislaturperiode: Im September kommt der Bundestag zusammen und das wäre ein möglicher Zeitpunkt, um das Gesetz für das Warnsystem auf den Weg zu bringen.

Wie ist Ihre Meinung zu Cell Broadcast? Denken Sie, es wäre eine sinnvolle Ergänzung zu vorhandenen Systemen? Würden Sie es lieber sehen, wenn der Sirenenalarm ausgebaut werden würde? Oder haben Sie noch gar kein Smartphone? Dann wenden Sie sich an Ihren PC-SPEZIALIST vor Ort und lassen Sie sich beraten. Wir übernehmen die Ersteinrichtung des neuen Geräts und versorgen Sie mit dem notwenigen Antivirenschutz.

_______________________________________________

Weiterführende Links: RND, Sunday Times, t-online, dieversicherer, Wikipedia, Twitter, heise, Chip, Spiegel, Tagesschau

2 Kommentare

  1. Klaus sagt:

    Nina ist eine totale Katastrophe. Sie warnt immer erst, wenn schon alles vorbei ist. Habe sie deinstalliert…

  2. Xenia1978 sagt:

    Danke für diesen Artikel, der das Versagen der offiziellen Stellen deutlich macht und Alternativen zeigt. Den Hochwasseropfern ist damit aber leider nicht geholfen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.