Gläserner Mensch dank Schufa?
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Maren Keller, Mo, 6. Dez. 2021
in Aktuelles

Gläserner Mensch dank Schufa?

Datenschützer über Datensammelwut entsetzt

Datenschützer sind entsetzt, denn die Schufa sammelt seit Jahren Handyvertragsdaten. Und das ohne Genehmigung. Die Sorge: Bald schon könnte jeder von uns ein gläserner Mensch sein.

Die Verantwortlichen der Datensammelwut verteidigen das Vorgehen jedoch. Erfahren Sie bei uns, was die einen kritisieren und die anderen unbedingt wollen.

Was ist die Schufa?

Die Schufa ist eine Kreditagentur. Sie erfasst und speichert Informationen dazu, wie kreditwürdig alle in Deutschland lebenden Menschen sind. Der Begriff Schufa ist eine Abkürzung und steht für „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“. Wann immer jemand von Schufa-Punkten, Schufa-Score, Schufa-Berichten oder Schufa-Bewertungen spricht, ist nur eines gemeint: Ihre Kreditwürdigkeit.

Sie gibt an, wie zuverlässig Sie Ihre finanziellen Verpflichtungen wie Stromrechnungen und Kreditkartenzahlungen bisher erfüllt haben und wie wahrscheinlich es ist, dass Sie auch künftig ein zuverlässiger Zahler sind. Positiv wirkt sich aus, wenn Sie keine Fälligkeiten übersehen, negativ dagegen, wenn sie oft die Bank wechseln und unnötig viele Konten eröffnen.

Alle, die in irgendeiner Form etwas mit Ihrem Geld zu tun haben, können bei der Schufa nach Ihrer Kreditwürdigkeit fragen. Sie benötigen einen Kredit für ein neues Auto oder sind auf der Wohnungssuche, Sie benötigen Kapital für einen Hausbau oder möchten ein Konto eröffnen? Seien Sie sicher: Ihr möglicher Vertragspartner fragt bei der Schufa nach Ihrer Zahlungsmoral. Und sogar Telefon- und Internet-Anbieter interessieren sich in der Regel dafür, ob Sie Ihre Rechnungen zuverlässig bezahlen.

Gläserner Mensch: Person mit iPhone. Werden auch seine Handydaten von der Schufa gesammelt? Bild: Pexels/PhotoMIX Company

Die Schufa sammelt auch Handyvertragsdaten von unbescholtenen Bürgern ohne deren Zustimmung. Bild: Pexels/PhotoMIX Company

Was ist ein gläserner Mensch?

Der Begriff „gläserner Mensch“ steht für eine Person, über die im Internet alles zu erfahren ist. Je mehr soziale Medien man nutzt, je mehr Daten der Internetbrowser speichern darf, desto mehr lässt sich über den Einzelnen erfahren. Um die Privatsphäre zu schützen, sollte man beispielsweise seine Cookies verwalten. Was Cookies sind erfahren Sie bei uns. Besonders datenhungrig sind Unternehmen wie Google und Facebook – was dazu führt, dass der Begriff gläserner Mensch mindestens in diesem Bereich beinahe Realität ist.

Der Begriff gläserner Mensch wurde Ende der 1920er Jahre vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden erstmals genutzt. Dort gab es anatomischen Menschenmodelle aus durchsichtigem Kunststoff, die als gläserner Mensch bezeichnet wurden. Seit der Diskussion zum Volkszählungsgesetz von 1982 in Deutschland steht der Begriff gläserner Mensch als ein Sinnbild für die ausufernde und übergriffige Sammlung personenbezogener Daten von öffentlichen und privaten Stellen, insbesondere auf Vorrat.

Heute wird der Begriff gläserner Mensch auf die zunehmende „Durchleuchtung“ der Menschen durch nichtstaatliche Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen angewandt: So ist im Gesundheitswesen vom gläsernen Patienten die Rede, Gewerkschaften befürchten den gläsernen Mitarbeiter und Verbraucherschützer warnen vor dem gläsernen Kunden.

Gläserner Mensch dank Schufa? Warum?

An der Datensammelwut beteiligen sich nach Information von NDR und SZ auch Wirtschaftsauskunftdateien wie die Schufa. Seit Jahren speichere die Schufa demnach Informationen über Mobilfunkverträge von Millionen von Bundesbürgern. Und das ohne deren Einwilligung und ohne Genehmigung. Spätestens mit Einführung der DSGVO sei das nämlich alles andere als rechtens, meinen Datenschützer.

Denn mit der DSGVO steht fest, dass Unternehmen nur die Daten von säumigen Zahlern und Betrügern speichern dürfen. Nicht aber die von unbescholtenen Bürgern. Doch für die Schufa sind die Daten von großem Interesse: Wer hat wann welchen Handyvertrag mit welchem Anbieter geschlossen. Wie lange bleibt jemand Kunde? Ist der Kunde schnell wechselwillig?

Datenschützer befürchten, dass dieses Wissen genutzt wird, um die Kreditwürdigkeit von Personen zu berechnen. Die Folge von regelmäßigem Anbieterwechsel könnte beispielsweise sein, dass diejenigen keine Verträge mehr bekommen und die Kreditwürdigkeit herabgestuft wird. Es besteht somit eine große Gefahr, wenn ein Kunde ein gläserner Mensch wird.

Gläserner Mensch: Person mit Vertrag reicht zweiter Person den Stift für die Unterschrift. Bild: Pexels/Andrea Piacquadio

Führen gesammelte Handyvertragsdaten dazu, dass manche Personen eventuell nur schwer einen Vertrag erhalten? Bild: Pexels/Andrea Piacquadio

Pro und Contra der Datenspeicherung

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) kritisiert die massenhafte Datenspeicherung von Handyvertragsdaten unbescholtener Bürger. Seiner Meinung nach könne es nicht angehen, dass jemand, der preisbewusst ist und deshalb gern den Anbieter wechselt, als anstrengender Kunde betrachtet wird und künftig eventuell keinen Vertrag mehr bekommt. VZBV-Chef Klaus Müller fordert deswegen die Löschung der Daten.

Ganz anders sehen das die Wirtschaftsauskunftdateien. Sie sehen die Gefahr nicht, dass potenzielle Kunden als gläserner Mensch schlechtere Chancen haben, sondern verteidigen die Vorteile: Gerade von finanzschwächeren Verbrauchern, Migranten und jungen Konsumenten liegen nicht viele Daten vor. Das aber mache es ihnen schwer, einen Handyvertrag abzuschließen. Daher gäbe ein „berechtigtes Interesse“ diese Daten auch ohne Zustimmung der Betroffenen zu sammeln. Das geschehe bereits seit Jahrzehnten und wurde bislang kaum kritisiert.

Was halten Sie von der Datenspeicherung Ihrer Handyvertragsdaten bei Schufa und Co.? Fühlen Sie sich als gläserner Mensch und haben ein schlechtes Gefühl bei der Erhebung Ihrer Daten? Oder ist es Ihnen egal, was die Schufa weiß, weil Sie bislang keine Probleme hatten, Verträge gleich welcher Art abzuschließen? Hinterlassen Sie uns gern Ihre Meinung in den Kommentaren.

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Weiterführende Links: Tagesschau, N26, Wikipedia, Schufa

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